Anna Maurer
Auf der Suche nach dem Selbst
Anna Maurer, Tochter des ehemaligen Bürgermeisters von Trautmannsdorf a. d. Leitha und Nichte des Altlandeshauptmanns von Niederösterreich, sagt: " Ich habe meinen Vater und meinen Onkel immer sehr bewundert, dass sie überall so frei und offen zu ihrer Meinung gestanden sind. Doch öffentlich die eigene Wahrheit auszusprechen, das war in unserer Familie immer einzig und alleine Männersache."
Gegen dieses altväterliche Gesetz hat Anna Maurer nun verstoßen. Sie hat ihre eigene, ganz persönliche Wahrheit sehr offen und direkt geäußert, in ihrem erfolgreichen Buch Auf der Suche nach dem Selbst.
Wenn man sich einmal für dieses Buch, das sowohl die persönliche als auch die gedankliche Entwicklung der Autorin während der Zeit ihrer Ausbildung zur Gestalt- und Transpersonalen Psychotherapeutin schildert, einlässt, mag man es nicht mehr aus der Hand legen. Man kann darin eintauchen wie in eine lange Meditation, sich damit auf eine Reise machen, eine Reise auch zu den eigenen Tiefen. Und taucht man dann wieder auf, so hat man auch für sich selbst ein neues, vertrauensvolleres Selbst- und Lebensverständnis gewonnen.
"Aus meinem Selbst heraus zu leben heißt zu begreifen, dass nichts mehr zufällig oder unverträglich ist in meinem Leben. Weil ich in der Verbindung mit dem Fluss meiner Entwicklung bin, bin ich offen für das, was der Augenblick bringt."
Es geht um weit mehr als nur um die üblichen Strategien zur persönlichen Selbstverwirklichung: Das Selbst, nach dem der Leser gemeinsam mit der Autorin sucht, übersteigt nicht nur das empirische, kleine Ego, sondern auch noch jedes traditionelle Selbst- und sogar Gottesbild. Denn gefunden wird am Ende nichts Geringeres als dieses unaussprechbar Göttliche im Menschen, das philosophisch-gnostische Richtungen "Nichts", buddhistische Traditionen "Nirwana" nennen, christliche Mystiker jedoch "Abgeschiedenheit" und "absolute Leere" der Seele, in der die göttliche Einheit alles Lebendigen erst erfahrbar wird. Für die Gestalttherapeutin Anna Maurer offenbart sich diese Einheit jedoch nicht als etwas meist Fernes, jenseitiges Höheres - im Gegenteil.
Ziel ist "das Erkennen des Wunderbaren im Alltäglichen... Das Leben in mir, das Leben im Hier und Jetzt ist das Mysterium. Damit verschwindet die Frage nach dem Sinn des Lebens... Es ist nichts anderes, als in diesem Augenblick zu sein und eins zu sein mit dem, was ich gerade tue, weil das Selbst das Leben ist."
So liest sich die Suche nach diesem so alltäglichen verstandenen innersten Selbst auch ganz konkret. Es ist klar, sehr anschauliche, symbolische Bilder, die Anna Maurer in ihren Meditationen und Atemsitzungen erschaut: Einmal schaukelt sie an einem Seil ganz nah an einem Berggipfel und erfährt leibhaftig, dass es keine Zeit gibt.
"Es gibt keine Eile, weil es keine Zeit gibt, alles ist jetzt."
Ein andermal begegnet sie ihrem eigenen machtgierigen Schatten in Gestalt einer Hexe, die sich als gütige Herrscherin maskiert hat und erfährt:
"Es gibt nichts zu beurteilen, weil es ist, wie es ist."
Schließlich wird ihr zu Ehren ein Fest in Venedig gefeiert, obwohl sie gar nichts besonderes geleistet hat. Aber:
"Ich bin, die ich bin, und das genügt."
Die sehr persönlichen Tiefen-Erfahrungen der Autorin sind ganz selbstverständlich verwoben mit psychologischen Reflexionen (vor allem aus Gestalt- und transpersonalen Therapierichtungen), mit mystisch-spirituellen Traditionen (Zen-Buddhismus, Christentum) und philosophischem Gedankengut (Salomo Friedlaender). Dabei gelingt es der Autorin nicht nur für sich selbst, abstrakte Gedanken in persönlichen Erfahrungen zu verwandeln, sondern auch jene dem Leser nachvollziehbar zu machen.
Denn Anna Maurer ist nicht nur Psychotherapeutin, sondern auch Lehrende: "Ich lehre nicht nur wahnsinnig gerne, ich habe immer das Bedürfnis, geradezu den Drang, das Selbsterarbeitete weiterzugeben." Ein Bedürfnis, das die einstige Lehrerin schon in sehr jungen Jahren überaus erfolgreich verwirklicht hat. Mit 25 Jahren war sie die jüngste Sonderschuldirektorin Österreichs, wenig später schon zuständig für die Lehrerfortbildung im gesamten Umkreis von Bruck a. d. Leitha. Dass sie dann gut zehn Jahre später die Ausbildung zur Psychotherapeutin begann, ergab sich, wie alles in Anna Maurers Leben, organisch aus diesem Drang sich fortwährend weiterzuentwickeln. "Gerade für Lehrer, die ja die Aufgabe haben, Kinder in ihrer seelischen Entwicklung zu begleiten, ist es wichtig, auch die eigene Persönlichkeit immer weiterzuentwickeln.
Erst wenn man die Freiheit des eigenen Erlebens zulassen kann, wird es möglich, respektvoll auch unterschiedliche Erlebnisweisen anderer zu akzeptieren." Besondere Aufmerksamkeit schenkt die Lehrtherapeutin sowohl in ihrem Buch als auch in Fort- und Ausbildungen den Schattenaspekten, also jenen Eigenschaften, die man an sich selbst nicht so gerne wahrhaben möchte: "Auch das habe ich als Lehrerein an mir selbst erfahren: Sehr oft weisen Probleme mit anderen auf eigene Schwierigkeiten hin. Deshalb ist es gerade in diesem Beruf so wichtig, sich der eigenen Schattenaspekte bewusst werden zu können, ohne deswegen in den Abgrund der Selbstverachtung zu stürzen."
So setzt sie sich in einem der eindruckvollsten Kapitel ihres Buches mit den eigenen Bedürfnissen nach Macht auseinander. Auf einer Phantasiereise erlebt sie sich als gütige Herrscherin, jedoch innerlich von einem ungeheuren Geltungsdrang verzehrt. Erst als sie bereit ist, die "schwarzen Schlangen" in sich Selbst zu akzeptieren, kommt sie wieder in Einklang mit sich selbst.
Denn "es hat nur Macht über dich, wenn du dir deinen Teil nicht anschaust."
Mag. Daniela Castner
Journalistin, Sozialpsychologin, Philosophin, Personality Coach