In der Transpersonalen Psychotherapie wird die Technik des Holotropen Atmens nach Stan Grof verwendet. Eine Kombination von Musik und Atmung, die uns hilft, festgefahrene Strukturen unseres Bewusstseins zu erweitern, um uns für neue Erlebnisinhalte zu öffnen. Der Atem vereint das Personale mit dem Transpersonalen, er belebt und beseelt uns. Einerseits ist er ein körperlicher, natürlicher Vorgang, andererseits aber auch die Verbindung zu unserer Seele, zum transzendenten Bereich unseres Seins. Das ungehinderte und freie Atmen stärkt das Vertrauen in unsere Entwicklung. Durch durchlässigeres und tieferes Atmen werden körperliche Widerstände und psychische Abwehrmechanismen abgebaut, sodass gehemmte und unterdrückte Gefühle wieder zugelassen werden. Durch den Atem sind wir aber auch mit einer Kraft verbunden, die über die persönlichen Grenzen hinausgeht. Das Schöne am Atmen ist, dass man dafür keine Überzeugung, kein Dogma, keine Autorität benötigt. Bewusstes Atmen erfordert einzig und allein Hingabe und sich öffnen.
Weil weder der/die Erfahrende noch die begleitenden PsychotherapeutInnen wissen, welche Lebensthemen, welche Erfahrungen auftauchen werden, ist es gut, Wünsche, Sorgen, vorgefasste Vorstellungen und Erwartungen der Weisheit des Atems zu übergeben. D.h. man kann mit Wünschen, Erwartungen und Projekten in die Atemsitzung hineingehen und lässt sie dann vor der Atemsitzung wieder los. Loslassen heißt nicht verdrängen, sondern nur die Konzentration darauf zu lockern, sie ein Stück weit zur Seite stellen, einen gewissen Abstand davon nehmen, dass sie uns nicht den Blick verstellen - dann können wir oft erkennen, dass die Dinge, die vordergründig in unser Bewusstsein treten, nicht alles sind, was in uns ist und wir öffnen uns für Erlebnisse, die jenseits unserer Alltagserfahrungen liegen.
Anna Maurer:
„Hans Peter, du bist transpersonaler Psychotherapeut. Wie hat dein Weg angefangen und was waren wichtige Erfahrungen für dich?“
Hans Peter Weidinger: Ich interessierte mich schon sehr früh in meinem Leben für Psychologie und Selbsterforschung. Ich war immer ein Suchender und wollte den Phänomenen des Lebens auf den Grund gehen. Nach der Mittelschule beschloss ich Medizin zu studieren. Der Wunsch, die Psychologie in die Medizin zu integrieren führte mich mit 21 Jahren in meine erste Gestalttherapie-Selbsterfahrungsgruppe. Hier begann für mich ein intensiver therapeutischer Weg, der meine berufliche Laufbahn entscheidend prägen sollte. Parallel zu meinen ersten therapeutischen Erfahrungen machte ich Bekanntschaft mit bewusstseinsverändernden Techniken wie schamanischen Reisen (Michael Harner), Sufi-Ritualen und Derwisch-Tänzen (Oruc Güvenc) und ich vertiefte mich in die Bücher von Carlos Castaneda.
Nach meinem Medizin-Studium absolvierte ich eine Ausbildung zum Facharzt für Psychiatrie und Neurologie. Mich faszinierten die Phänomene, wie sie bei Menschen in psychotischen Zuständen auftraten. Ich fühlte mich hingezogen und hatte gleichzeitig Angst davor. Ich spürte einerseits die Tiefe, die sich hier auftat, aber auch die seelischen Abgründe und Nöte. Ich war überzeugt, dass es sich dabei nicht nur um pathologische, unerklärliche Phänomene handelte, sondern sich die Tiefe und Vielfalt menschlicher Erfahrungsmöglichkeiten auftat, allerdings in einer sehr chaotischen Form, bei der es zu einer weitgehenden Desintegration von Körper, Seele und Geist kommt. Die Patienten erzählten mir aber auch immer wieder von Visionen, teils religiösen oder mythologischen Inhalts, die ihnen geholfen hätten, durch die Krisen hindurchzugehen. Ich begann in dieser Zeit auch mit meiner Ausbildung zum Gestalttherapeuten.
Im Jahr 1985 lernte ich zufällig Stanislav Grof anlässlich eines Vortrags in Wien kennen. Grof ist Psychiater und Psychoanalytiker, hat das holotrope Atmen begründet und zählt zu den wichtigsten Vertretern der transpersonalen Psychotherapie. Eine Kollegin hatte ihn mir empfohlen indem sie meinte, er sei genau der richtige für mein Interessensgebiet des menschlichen Bewusstseins. Und so war es auch. Grof faszinierte mich sofort durch seine Ausstrahlung und ich fühlte mich von seinen Ausführungen über das Bewusstsein sehr angezogen. Ich war auch sehr aufgeregt, denn ich hatte das Gefühl, dass sich hier ein weiterer Schritt in meiner Suche auftun könnte.
Bei Grofs Vortrag in Wien wurde ein Seminar in der von ihm und seiner Frau entwickelten Methode des holotropen Atmens angeboten (wird später noch beschrieben). Da ich als Psychiater für „verrückte“ Dinge ein Faible hatte (es ging um Trance, Hyperventilation und veränderte Bewusstseinszustände), meldete ich mich gleich an. Das Seminar fand in einem Gasthaus statt, in einem Raum mit Holzboden, auf Matten liegend, bei lauter Musik, direkt neben dem normalen Gasthausbetrieb. Auf die Toilette wurde man mit verbundenen Augen an den staunenden Gästen vorbeigeführt, die auch die Schreie und Laute und die Musik aus dem Nebenraum mitbekommen hatten. Hier prallten also zwei Welten aufeinander. Gleich in meiner ersten Atemsitzung hatte ich eine intensive Geburtserfahrung. Nachdem ich mich durch den Geburtskanal mit aller Kraft freigekämpft hatte, hörte ich die Seminarleiterin, sie war Amerikanerin, sagen: „Oh, it´s a boy!“ Ich war neu geboren und wurde sehr liebevoll empfangen. Dieses liebevolle Gefühl des Angenommenseins auf meinem weiteren Weg, der im wahrsten Sinn des Wortes mit einer Geburt begonnen hat, hat mich seither nicht mehr verlassen.
Das holotrope Atmen wurde für mich zu einem sehr wichtigen und intensiven Erfahrungsweg und ich denke sehr gerne an die ersten Jahre zurück, wir fühlten uns damals wie Pioniere in einem unbekannten und spannenden Land. Es ermöglichte mir, mein Bewusstsein zu erforschen und Schattenaspekte zu integrieren (vor allem die Identifikationen mit Dämonen, Monstern und dem Bösen – wie wir im Beitrag von Florian Überall kennen gelernt haben - haben mir sehr gut getan, da ich nach außen hin ein sehr angepasster und braver Mensch war).
Im Jahr 1991 bot Sylvester Walch sein erstes Weiterbildungscurriculum für transpersonale Psychotherapie und holotropes Atmen an. Da ich Sylvester schon von meiner Ausbildung her kannte und ihn sehr schätzte, wusste ich: wenn er diese Arbeit anbietet, dann kann ich dieser Methode vertrauen. In diesen 12 Jahren seither hat sich mein Weg sehr vertieft und verinnerlicht und ich bin sehr dankbar dafür, dass sich in dieser Zeit auch ein spiritueller Weg für mich eröffnet hat.
Heute versuche ich, mein medizinisches Wissen, mein Wissen aus der Gestalttherapie und meine transpersonalen und spirituellen Erfahrungen für die Klienten und die Menschen, die zu uns kommen, zur Verfügung zu stellen. Psychotherapie ohne die transpersonale Perspektive ist für mich nicht mehr vorstellbar.
„Anna, wie bist denn du zur transpersonalen Psychotherapie gekommen?“
Anna Maurer: Wie die Jungfrau zum Kind. Ich hatte Sylvester Walch in den ersten zwei Ausbildungsjahren zur Gestalttherapeutin und ich ahnte, dass er ein wichtiger Lehrer für mich sein würde. So meldete ich mich kurz danach für die Weiterbildung im holotropen Atmen für Psychotherapeuten an. Ich hatte zwar keine Ahnung was transpersonale Psychotherapie oder holotropes Atmen ist, aber ich hatte viel Vertrauen zu Sylvester und ließ mich daher auf das Wagnis eines neuen Fachgebietes ein. Meine erste Atemerfahrung war ein sehr leidenschaftliches Erlebnis, ein inneres Feuer, das mein bisheriges Weltbild komplett aus den Angeln gehoben hat. Ich erkannte, dass unter einer dünnen Schicht von Realität eine Wirklichkeitsdimension liegt, von deren Existenz ich nichts geahnt hatte. Ich erlebte mich in einem afrikanischen Fruchtbarkeitsritual, das ich mit allen Sinnen und Körperempfindungen wahrnahm und bei dem ich mich ganz tief mit meiner Existenz verbunden fühlte. In meinem alltäglichen Bewusstsein war ich nur mit einem Bruchteil dessen verbunden, was ich an Erfahrungen und innerem Wissen in mir trage.
Während meiner Ausbildung zur Gestalttherapeutin hatte ich gelernt, Vertrauen in meine subjektive Realität zu entwickeln. Dadurch fühlte ich mich immer tiefer mit meinem eigenen Wesen verbunden. Das gab mir die Sicherheit und das Vertrauen, diese direkte Erfahrung unvoreingenommen zuzulassen – in einer Art phänomenologischen Sicht – ohne sie gleich einzuordnen oder sie zu kategorisieren. Das war in diesem Fall einfach, denn ich hatte gar keine Modelle zur Verfügung.
Dieses Atemerlebnis war der Aufbruch zu einem intensiven inneren Weg, auf dem meine persönlichen Erfahrungen immer im Mittelpunkt standen. Erfahrungen, bei denen ich intuitiv das Wesen der Dinge erfasste – erst danach begann ich Literatur dazu zu suchen, sodass ich die Erfahrung einordnen konnte, das ermöglichte mir ein lebendiges Verständnis.
Meine Erkenntnisse aus all dem habe ich für mich so zusammengefasst:
Nur eigene Erfahrungen sind die Grundlage unseres Vertrauens. Wenn uns bestimmte Ideen nur vom Verstand her überzeugen, können wir nicht vertrauen. Einsicht können wir nur erleben, Erkenntnis nur in uns selbst finden, mit unserem ganzen Wesen unmittelbar erfahren...
Für die herkömmlichen Psychotherapien gehören spirituelle Themen nicht in die Therapie, spirituelle Wege aber beschäftigen sich meist nicht mit biographischen Begrenzungen.
Transpersonale Psychotherapeuten bauen Brücken, um diese beiden Dimensionen zu verbinden und letztendlich zu verweben.
Denn es geht nicht darum die Individualität und die Subjektivität zu verlassen, jemand anderer zu werden als man ist. Man wird durchlässiger für das, was über einen hinaus geht, man bezieht die spirituelle Dimension in seine Arbeit mit ein, übernimmt Verantwortung für die eigenen inneren Kräfte und kann dann vertrauensvoll mit seinen eigenen Qualitäten das Einzige und Einmalige durch sein Wirken in die Welt bringen. Wenn wir mehr und mehr annehmen, was uns gegeben wurde, wird durch die Einzigartigkeit eines jeden von uns immer wieder etwas Neues in die Welt gesetzt. Das Göttliche steht nicht für eine bestimmte Art zu sein, es ist die Vielfalt, es braucht die Gesamtheit der menschlichen Natur.
Das gilt für uns als TherapeutIinnen, aber auch für unsere KlientInnen, denn auf einer Ebene gibt es ein isoliertes Ich und Du, auf der anderen ein Vernetzt-Sein. In einer Yoga Tradition brachte ein Swami den Vergleich mit einem Eiswürfel, der auf einer Wasseroberfläche schwimmt, in diesem Zustand erlebt es sich als begrenzt und getrennt, wird es aber erwärmt, verändert es seinen Zustand und kann wieder eins mit dem Wasser werden.
Die Verwirklichung des eigenen Platzes im großen Ganzen hebt die Spaltung zwischen dem Alltäglichen und dem Heiligen auf – die beiden Ebenen sind miteinander verwoben – sind eins geworden.
Der gesamte Vortrag ist im Buch „Heimkehr der Seele“ weiterzulesen.