Von der Sammlung zur Versenkung
Es kann am Anfang schwierig sein, die Konzentration auf einem Punkt zu halten. Wir müssen erst lernen, uns zu sammeln und nicht immer wieder abzuschweifen. Das bewusste Wahrnehmen des Atems unterstützt unsere Konzentration, hilft uns, zur Ruhe zu kommen, und schafft eine Verbindung von innerer und äußerer Welt. Beim Einatmen kommt die Luft in die innere Welt, beim Ausatmen fließt sie wieder hinaus in die äußere Welt. Wir atmen einige Male tief durch. Wir spüren die Kraft des Atems durch das Heben und Senken des Bauches ebenso wie durch die Bewegung der Rippenbögen und des Brustbereichs. Danach den Atem ganz natürlich fließen lassen. Manchmal können auch Visualisierungen die Zentrierung erleichtern, indem man sich zum Beispiel den Atem als Wolke vorstellt, die sich beim Ein- und Ausatmen vergrößert und verkleinert. Wenn uns Gedanken, Gefühle und Empfindungen oder Geräusche von außen ablenken, fangen wir immer wieder aufs Neue an, unsere ungeteilte Aufmerksamkeit dem Ein- und Ausfließen des Atems zu schenken. Seine Achtsamkeit auf den Atem zu lenken, ist am Anfang eine Hilfe, um die unruhigen Wellen des Bewusstseins zur Ruhe kommen zu lassen, eine Art Werkzeug, um Körper und Geist miteinander zu verbinden, ein Schlüssel zur Sammlung. Später führt das Ein- und Ausatmen ganz allmählich dazu, dass wir unseren Geist in den Atem hineinfallen lassen, uns dem Atem hingeben, um schließlich mit dem Vorgang des Atmens eins zu werden, was uns für eine neue Ebene der Existenz öffnet, in der wir uns verankern.
Verankerung
Diese Verankerung im Atem ist eine notwendige Voraussetzung dafür, unser Bewusstsein zu entleeren, von unserem Denken einen Schritt zurückzutreten und als neutrale Beobachter einfach zu registrieren, dass Gedanken kommen und gehen. Wir lernen die Gedanken zu beobachten, sie aber nicht zu korrigieren oder zu unterdrücken. Wir können sie auch benennen und sie dann wegschicken, uns vorstellen, dass sie wie Wolken am Himmel vorüberziehen oder wie Wasser, das in einem Fluss vorbeifließt. Auch wenn Gefühle auftreten, steht es uns frei, auf diese zu reagieren oder sie einfach sein zu lassen. Also zu registrieren, da ist Angst, Wut, Freude, Liebe, Niedergeschlagenheit, Enttäuschung, Sehnsucht – und ohne Euphorie oder Selbstmitleid zu erkennen: In uns sind einfach verschiedene Gemütszustände, die oft erst durch das Schweigen, die innere Ruhe und Konzentration laut werden, weil sie hinter unserer Alltagshektik verborgen sind. Auch Gefühle und Körperempfindungen kommen und gehen, Vergänglichkeit ist ihre Eigenschaft. Entschließen wir uns dazu, nicht mehr zu reagieren, entwickeln wir die Fähigkeit, in Ruhe unsere Gedanken, Gefühle und unsere Bewertungen zu betrachten. Diese Art der Wahrnehmung, deren Aufgabe darin besteht, alle dabei auftretenden Phänomene zu beobachten, verankert sich mehr und mehr in unserem Bewusstsein.
Der innere Beobachter
Jetzt sind wir bei der Empfindung angelangt, gleichzeitig auf zwei verschiedenen Ebenen zu existieren. Spirituelle Traditionen unterscheiden zwischen einer absoluten und einer relativen Ebene. Die absolute Ebene ist die des Zeugen und Beobachters, die relative die der Wünsche, Ängste, Gefühle, Aktionen und Reaktionen. Als innerer Beobachter nehmen wir den Körper und seine Empfindungen, Gefühle, Gedanken und Stimmungen einfach zur Kenntnis, als reine Fakten – ohne sie zu bewerten, auf sie zu reagieren oder sie weiter zu verfolgen. Nur auf einer relativen Ebene entstehen und vergehen Phänomene, die sich in einem ständigen Auflösungsprozess befinden. Die Vergänglichkeit unserer Existenz wird uns zutiefst bewusst. Die Identifikation mit unserem Körper, unseren Gefühlen, Gedanken und Empfindungen löst sich auf. Unsere persönlichen Wünsche werden unbedeutend, wir vergessen unseren Weg und unsere Suche. Alles, was wir für real gehalten haben, scheint plötzlich eine Illusion zu sein, weil das, was wir bis jetzt für unsere Identität gehalten haben, letztlich nicht unsere Identität ist. Die Entidentifikation ist als Durchgangsstadium wichtig, um uns für höhere Bereiche zu öffnen. Wir können jedoch in dieser Phase das Gute daran noch nicht erkennen, sind verunsichert und verängstigt.
Wir erkennen, dass das Bewusstsein, mit dem wir wahrnehmen, etwas anderes ist als die Objekte, auf die es sich richtet. Diesem Bewusstsein, das über das Alltägliche hinausgeht, widmen wir nun unsere Aufmerksamkeit. Wir können vorerst nur beschreiben, was es nicht ist, denn hier gibt es keine erfahrbaren Eigenschaften. Wir sind bei einem formlosen Bewusstsein angelangt, das wir als den Grund unseres Seins erkennen.
Versenkung
Das Gefühl der Versenkung stellt sich ein, wenn wir uns nicht mehr davor fürchten, dort zu sein, wo nur die formlose Gegenwart wirksam ist. Dann kann innere Gelassenheit eintreten. Wir erleben das Zurückziehen von der Welt und das Schweigen immer entspannter, wenden uns mehr und mehr nach innen, um uns nach und nach dieser inneren Dimension anzuvertrauen. Das führt zu innerer Stille, bis wir eine tiefe Versenkung erleben, in der es anstrengend wäre, Gedanken zu formulieren, Gefühle und körperliche Empfindungen wahrzunehmen – hier erleben wir Ruhe und Zufriedenheit. Das ist der Ort, an dem sich alle Meditierenden treffen, unabhängig von ihren religiösen Glaubensvorstellungen. Wir lernen, diesen Zustand immer länger aufrechtzuerhalten. Der Geist wird stiller, die Versenkung tiefer, die Atmung ruhiger. Wir tauchen in eine Sphäre des Friedens ein und verharren dort.
Der Sog der Stille
In tiefen Meditationszuständen können wir in den sicheren Grund des Selbst eintauchen. Distanziert von dem Wirbel, der uns sonst gefangen hält, erleben wir Ruhe und Zeitlosigkeit. Es erschließt sich ein weiter Raum des Gewahrseins, der in schöpferischer Distanz zu unserer Psyche, unserem Körper, unseren Gedanken und Gefühlen steht. Es sind dies Augenblicke, in denen sich tiefe Entspanntheit mit heller Wachheit verbindet, eine klare und direkte Einsicht in eine tiefere Schicht der Wirklichkeit möglich wird. Sie taucht aus der eigenen Wesenstiefe auf und durchbricht die Grenzen unseres herkömmlichen Bewusstseins. Wir sind mit einem Zustand in Kontakt, der immer ist, dessen wir uns aber normalerweise nicht bewusst sind. Das Selbst in einem transpersonalen Sinn ist ein Zentrum in uns, das nicht mit emotionalen Traumata und Konditionierungen der Psyche belastet ist. Es ist der göttliche Kern unserer Existenz, der mit seiner Weisheit unsere Entwicklung unterstützt und die treibende Kraft hinter all unserem Wirken ist.
An diesem Punkt wird uns bewusst: Wir sind nicht menschliche Wesen, die eine spirituelle Erfahrung machen, sondern spirituelle Wesen, die das Menschsein erfahren.
Das aktiviert unsere Sehnsucht, in jedem Augenblick und mit jedem Atemzug mit unserem ursprünglichen Zustand verbunden zu sein – dorthin zurückzukehren, wo wir hergekommen sind.